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Die Dynamik der Globalisierung

Lisa Lotte Schneider (links), Prof. Dr.-Ing. Annika Raatz (rechts) Lisa Lotte Schneider (links), Prof. Dr.-Ing. Annika Raatz (rechts) Lisa Lotte Schneider (links), Prof. Dr.-Ing. Annika Raatz (rechts)
© Tarek Senft
Lisa Lotte Schneider, Geschäftsführerin der Fakultät Maschinenbau (links) und Prof. Dr.-Ing. Annika Raatz, Dekanin der Fakultät Maschinenbau und Leiterin des Instituts für Montagetechnik und Industrierobotik (match)

Die Internationalisierung des Maschinenbaus an der LUH ist in vollem Gang. Über die Chancen und Herausforderungen sprechen Prof. Dr.-Ing. Annika Raatz, Dekanin der Fakultät Maschinenbau und Leiterin des Instituts für Montagetechnik und Industrierobotik (match) am PZH und Lisa Lotte Schneider, Geschäftsführerin der Fakultät Maschinenbau.

Frau Prof. Raatz, Frau Schneider, wie international ist der Maschinenbau der LUH? In welchen Ländern befinden sich die Institute, mit denen es Forschungskooperationen gibt?

Lisa Lotte Schneider: Wir haben in der Forschung um die 170 bestehende Kooperationsverträge. Es ist also fast einfacher zu sagen, mit wem wir nicht kooperieren. Unterrepräsentiert ist der globale Süden, beispielsweise afrikanische Länder, zu denen es nur wenige Verbindungen gibt. Aber die Industrieländer sind alle vertreten. Dabei gehen die Initiativen sehr stark von den einzelnen Instituten und ihren Themenschwerpunkten aus. Im Bereich Werkzeugtechnik beispielsweise gibt es schon seit vielen Jahren Kooperationen mit Japan, in der Kreislauftechnik mit Island und Australien. Solche Projekte werden nicht von oben gesteuert, sondern entstehen aus gemeinsamen wissenschaftlichen Interessen, auch aus persönlichen Kontakten auf Tagungen heraus. 

Es gibt also keinen Masterplan der Fakultät oder Universität für die Internationalisierung? 

Annika Raatz: Es gibt in Abstimmung mit der Universität eine Internationalisierungsstrategie der Fakultät – allerdings erst seit wenigen Jahren. Sie zielt darauf, dass Institute sich absprechen bei ihren Initiativen, dass sie ihre Aktivitäten koordinieren, wenn es sich anbietet, und dass man versucht, Kooperationen gezielt weiterzuentwickeln. 

Lisa Lotte Schneider: Was die Lehre und den studentischen Austausch angeht, folgt die Fakultät schon seit langem bestimmten Zielvorgaben, denn wir tragen da eine größere Verantwortung als bei einer Forschungskooperation. Wir müssen in jedem Fall sorgfältig prüfen, ob die Standards der Ausbildung an der Partnereinrichtung unseren entsprechen und einen Studienabschluss rechtfertigen.

Wie machen Sie das? Schauen Sie sich die Einrichtung an? 

Annika Raatz: Das tun wir, wenn es um einen Double Degree, also einen Doppelabschluss oder einen Joint Degree, einen gemeinsamen Abschluss geht. Da erhalten die Studierenden sowohl von ihrer Heimat- als auch von der Partneruni ein Zeugnis. In solchen Fällen reisen Angehörige der Fakultät oder auch des Präsidiums und Experten für die Schwerpunkte, um die es geht, dorthin und informieren sich detailliert über die Studieninhalte. Und in umgekehrter Richtung geschieht es ebenso. Solche Studiengänge durchlaufen auch Akkreditierungsverfahren an beiden Einrichtungen. Das ist aufwendig, aber nötig, denn wir wollen uns ja gegenseitig wirklich kennenlernen und zusammenwachsen. Je intensiver die Kooperation ist, desto höher sind die Anforderungen an die Qualitätsstandards und deren Überprüfung. Im Zuge der Corona-Pandemie wurden all diese Aktivitäten stark heruntergefahren, weil ein studentischer Austausch ja kaum möglich war. Aber jetzt ist eine neue Energie spürbar. Das Interesse, ins Ausland zu gehen, vielleicht auch nur für eine studentische Arbeit oder ein Praktikum, ist wieder deutlich gestiegen. 

Die Fakultät bietet zurzeit vier Doppelabschluss-Programme an: Eins mit der japanischen Keio-Universität und zwei mit der Technischen Universität im finnischen Lappeenranta. Das vierte besteht mit der Purdue-Universität in den USA. Haben sich die aktuellen wissenschaftspolitischen Entwicklungen unter der Präsidentschaft von Donald Trump bereits auf diese Kooperation ausgewirkt? 

Lisa Lotte Schneider: Die Vereinbarung selbst wird nicht infrage gestellt. Aber wir sind gerade in einem sehr intensiven Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort, um zu erfahren, wie die Situation für sie ist. Und da wird deutlich, wie extrem negativ die Folgen der Politik für die Wissenschaftseinrichtungen in den USA teilweise sind. Den Maschinenbau trifft es aber keinesfalls so schlimm wie etwa die Geisteswissenschaften. Finanzkürzungen gibt es hier bislang nicht. Als direkte Folge der aktuellen Entwicklungen erleben wir gerade, dass Kooperationsanfragen aus den USA zunehmen. Vorher waren eher wir es, die sich bemühen mussten, weil unser Ziel bei einem Doppelabschluss-Studium immer ist, dass die Studiengebühren an der Partneruniversität erlassen werden. Und die belaufen sich in Purdue für ein Undergraduate Program auf etwa 40.000 Dollar.

Annika Raatz: Es gibt auch Auswirkungen auf die Forschung. Manche Themen, die für uns gerade sehr spannend sind, sind dort nicht mehr en vogue, zum Beispiel alles, was mit Energietechnik, Ökologie und Nachhaltigkeit zu tun hat. Wir sind deshalb aufgefordert, jetzt bei Berufungen auch explizit in die USA zu blicken. Wenn es diese Themenfelder dort nicht mehr gibt, dann wird es für diejenigen, die dazu forschen, vielleicht interessant, in Länder zu gehen, wo man frei darüber sprechen kann und auch Forschungsförderungen erhält. Insgesamt gesehen ist diese wissenschaftspolitische Entwicklung natürlich katastrophal, aber für uns ist sie eine Chance. 

Es gab bis vor einigen Jahren auch ein Doppelabschluss-Programm mit der Polytechnischen Universität in Sankt Petersburg, den gemeinsamen Masterstudiengang International Mechatronics. Was ist daraus geworden?

Lisa Lotte Schneider: Das Programm haben wir im Zuge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine eingestellt. Dasselbe gilt für die Programme, die andere Fakultäten mit dieser Universität unterhalten hatten. Als der Krieg begann, waren circa 25 Studierende aus Hannover im Masterstudiengang InternationalMechatronics in St. Petersburg. Die haben wir auf ziemlich abenteuerlichen Wegen außer Landes und nach Hause bringen müssen, weil teilweise auch der Luftraum gesperrt war. Bis dahin war die Polytechnische Universität Sankt Petersburg eine der wichtigsten strategischen Partnereinrichtungen der Leibniz Universität Hannover gewesen. Die Partnerschaft hatte schon 1984 begonnen.

Wie steht es mit China?

Annika Raatz: Bis vor einigen Jahren war es der Wunsch der Politik, Kooperationen mit China zu stärken. Doch das hat sich gewandelt. Es gibt zwar einen Austausch, aber der ist wegen der politischen Schwierigkeiten nur moderat, vor allem, weil wir uns gezwungen sehen, unsere Forschungs- und Industriedaten zu schützen. 

Gibt es bestimmte Forschungsfelder im Maschinenbau, die in internationalen Kooperationen eine besondere Rolle spielen? Und welchen Stellenwert hat hier die Produktionstechnik? 

 Annika Raatz: Ich denke, die Produktionstechnik hier ist international sehr gut aufgestellt. Sie ist auch für Studierende oder Doktoranden aus dem Ausland ein Grund, hierher zu kommen, weil hier die Verknüpfung mit der Industrie viel stärker ist als zum Beispiel in den USA. Das ist wirklich ein Alleinstellungsmerkmal unseres Maschinenbaus. Ein Gebiet, auf dem wir auch stark sind, ist die Grundlagenforschung in der Energietechnik, wobei hier neben dem Maschinenbau auch andere Fakultäten beteiligt sind. Generell kann man sagen, dass wir sehr anwendungsstark sind. Das gilt zum Beispiel auch für die Nutzung der KI und des maschinellen Lernens in der Robotik, in der Energietechnik und in anderen Bereichen. 

 Um noch einmal auf die Internationalisierung der Lehre zurückzukommen: Wenn Studenten hierherkommen, wie leben sie sich ein? Knüpfen sie auch Kontakte außerhalb des Campus? 

Lisa Lotte Schneider: Das ist stark kulturabhängig. Europäischen Studierenden fällt das überwiegend leicht, zumal die auch mal zwischendurch nach Hause reisen können, wenn sie gerade eine schwierige Phase durchleben. Menschen, die aus anderen Weltgegenden zu uns kommen, tun sich vielleicht schwerer. Man darf nicht unterschätzen, welche Bedeutung kulturelle Unterschiede auch in Zeiten der Globalisierung und der Assimilierung nach wie vor haben. Das merken wir auch, wenn wir eine Kooperation aufbauen. So etwas kostet viel Energie, weil wir während des Kennenlernprozesses zunächst viele Dinge nicht verstehen. Das liegt daran, dass wir – und umgekehrt auch unsere Partner – die jeweiligen kulturellen Codes und versteckten Regeln noch nicht kennen. Da passieren in der Kommunikation ungewollt auf beiden Seiten Fehler. Und deswegen versuchen wir den Studierenden auch wirklich viele Servicestrukturen an die Hand zu geben, weil wir nicht einfach voraussetzen können, dass sie alle zurechtkommen.

Wo wohnen sie, wenn sie nach Hannover kommen?

Lisa Lotte Schneider: Wir verfügen über ein kleines Vorrang-Kontingent an Zimmern hier im Studentenwohnheim auf dem Campus. Wir haben aber an der Fakultät momentan 1120 internationale Studierende bei einer Gesamtzahl von etwa 3400. Viele davon wollen hier ihr gesamtes Studium absolvieren. Besonders Indien ist stark vertreten, zum einen, weil die Ausbildungskosten dort stark ansteigen, aber auch, weil wir Themen bespielen, für die Indien gute Ausbildungen im Bachelor anbietet. Dazu gehören vor allem die Laser- und die Quantentechnologie. Ein weiteres Beispiel für das Ausmaß der Internationalisierung ist der Masterstudiengang ‚Mechatronik und Robotik‘. Da hat die Hälfte der Studierenden einen nichtdeutschen Bildungsabschluss. Die Internationalität geht also weit über die Kooperationsabkommen hinaus.

In welcher Sprache findet die Lehre statt?

Annika Raatz: Es gibt teilweise englischsprachige Lehrangebote, aber ein Großteil dieser Studierenden ist in deutschsprachigen Studiengängen eingeschrieben. Wie und wann man Englisch oder Deutsch als Unterrichtssprache einsetzen sollte, darüber wird diskutiert. Klar ist aber, dass ausländische Studierende, damit sie nach ihrem Abschluss hier arbeiten können, Deutsch beherrschen sollten. Das gilt insbesondere für Positionen in Mittelstandsfirmen, die in Deutschland ja eine wichtige Rolle spielen. 

Welche zukünftigen Perspektiven sehen Sie für die Internationalisierung?

Annika Raatz: Dass Internationalisierung nicht nur notwendig ist, sondern auch große Chancen bietet, darüber herrscht unter den Kollegen Konsens. Die konkreten Maßnahmen wird man immer wieder mal justieren müssen, um möglichst optimale Ergebnisse zu erzielen. Es liegt zum Beispiel nicht in unserem Interesse als Gesellschaft, dass viele ausländische Studierende, nachdem sie hier ihren Abschluss gemacht haben, umgehend in ihre Heimat zurückkehren, was momentan noch oft der Fall ist. Wünschenswert ist, dass zumindest ein Teil derer, die hier studiert haben, dann auch für den deutschen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Denn das Studium ist hier kostenlos, wird ihnen also vom deutschen Staat finanziert. Unter den Mitgliedern des gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraums gleicht sich das aus, da haben die Länder unterschiedliche Bildungsschwerpunkte, wovon unter dem Strich alle profitieren. Aber mit Blick auf außereuropäische Länder muss man von Fall zu Fall prüfen, wofür man das Geld, das in das Bildungssystem fließt, investiert. 

Lisa Lotte Schneider: Innerhalb der Fakultät findet gerade ein intensiver Meinungsaustausch zum Thema Internationalisierung statt. Ich persönlich meine, dass es absolut unverzichtbar ist, dass wir uns offen zeigen für Menschen aus aller Welt über alle Ausbildungswege hinweg, denn der Mehrwert ist wirklich bedeutend und zwar auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat zusammen mit dem DAAD in einer groß angelegten Studie nachgewiesen, dass der Zuwachs, den ausländische Studierende für das Bruttoinlandsprodukt bringen, beträchtlich ist. Und dies, obwohl unsere Studienangebote kostenlos sind und es eine nicht geringe Zahl an Studienabbrechern gibt. Ich glaube aber auch, dass man immer wieder sorgfältig prüfen muss, welche Form von Öffnung sinnvoll und welche nicht mehr sinnvoll ist. Der Umgang mit Russland und vielleicht auch mit China sind Beispiele dafür. Es gibt eine rote Linie, die zu finden nicht immer einfach ist. 

Quelle: PZH-Magazin, 2025